Zeichnen lernen – Von der Denkblase zum Bild

Du hast eine Vision. Ein schillerndes Einhorn auf einer zauberhaften Lichtung, ein mächtiger Drache mit riesigen Schwingen und stachelbewehrtem Rücken, ein muskulöser Krieger mit markanten Zügen. Du weißt, wie es aussehen soll, es ist zum Greifen nahe!

Also, ran an den Bleistift und in wilden Strichen lässt du deiner kreativen Energie freien Lauf. Dich erfüllt ein Hochgefühl, als würde deine Idee direkt aus dem Kopf über deinen Arm genau in die Fingerspitzen fließen … bis dich ein Ding anschaut, das nichts mit deiner Vorstellung zu tun hat.

Wer kennt das nicht?

Was ging hier denn schief? Normalerweise bist du ganz gut im Zeichnen. Nach Vorlage flutscht es ja immer, nicht wahr? Warum um alles in der Welt hat es dieses Mal nicht geklappt?

Technik? Oder Fähigkeit? Bin ich doch zu doof zum malen? Und schon hält der Frust darüber scheinbar unfähig zu sein Einzug. Was ist also dran an dem sogenannten »freien Zeichnen« und was fehlt dir auf dem Weg dahin? Nehmen wir uns daher als Allererstes einer Grundfrage an:

Was passiert beim Zeichnen eigentlich?

Normalerweise haben viele ja die Angewohnheit etwas zu machen ohne groß zu hinterfragen, wie etwas überhaupt funktioniert. Das ist zumindest häufig meine Art. In die Waschmaschine stopft man auch einfach nur seine dreckigen Klamotten und sie kommen sauber wieder raus. No questions asked. Um jedoch zu verstehen, warum wir beim freien Zeichnen nicht so gut sind, wie wir denken, sollten wir uns doch einmal die Hintergründe ansehen. Immerhin geht es nicht nur darum, den Stift koordiniert über das Papier zu führen – es ist eine Kombination unterschiedlicher Fähigkeiten, die ineinandergreifen. Die Feinmotorik ist die eine Sache, aber essenzieller ist, was geschieht in deinem Kopf?

 

Gehirn und Abzeichnen

Tatsächlich agiert unser Gehirn beim Malen nach Vorlage anders als beim freien Zeichnen. Testen wir das einmal: Nimm dir ein Foto als Referenz, zeichne es ab und beobachte dich dabei. Was tust du, außer den Stift zu bewegen? Welche Fragen stellst du dir während des Prozesses selber und wie beantwortest du sie dir?

Der beliebteste Weg etwas abzuzeichnen ist, Konturen zu kopieren. Dafür untersucht unser Denkapparat die Proportionen der Linien auf dem Originalbild und skaliert es bei der Wiedergabe eventuell hoch oder runter. Das ist relativ einfach, erzielt schnelle Erfolge und gibt dir das Gefühl zeichnen zu können.

Tatsächlich aber bist du gut darin, zu kopieren. Mit einem guten Gedächtnis schaffst du es vielleicht sogar, dir dieses Motiv so einzuprägen, dass du es ohne Referenz skizzieren kannst, aber das hat immer noch nichts mit freiem Zeichnen zu tun. Außerdem sind es so viele Details, die man sich merken muss, dass früher oder später das Vergessen einsetzt und du sie nur noch lückenhaft wiedergeben kannst.

Mit einer Referenz zeichnet es sich leicht.

Das freie Zeichnen

Zweites Experiment: Versuche, etwas aus deiner Vorstellung heraus aufs Papier zu bringen. Vielleicht ein Fabelwesen, für das es keine Referenz gibt. Welche Fragen kommen auf? Wie beantwortest du sie?

Typischerweise hast du das Gefühl zu wissen, wie das Wesen aussieht und schon schwingt der Stift beflissen übers das Blatt. Auch wenn dein Gedanke nicht so klar ist wie ein Bild, das vor dir liegt, bist du dir sicher, dass du es beim Aufzeichnen vervollständigen kannst. Doch es kommt anders als gedacht. Etwas stimmt nicht und die Vorlage aus deinem Kopf will sich einfach nicht so konvertieren lassen wie eine physische Referenz.

Und spätestens hier wird uns klar: Es handelt sich hierbei faktisch um zwei unterschiedliche Fähigkeiten. Auch wenn du noch so gut Proportionen und Linien wiedergeben kannst, kannst du es nicht ohne Original. Du siehst erst, nachdem es auf Papier gebannt ist, ob es das ist, was du zeichnen wolltest, oder nicht. Aber warum hast du vorher so ein starkes Gefühl, es aufmalen zu können? Erster Knackpunkt – vielleicht liegt es ja an unserer Vorstellungskraft?

Das Ergebnis entspricht nie dem, was wir uns vorgestellt haben.

 

Gedächtnis – oder was in unserer Birne abläuft

Kein Vorstellen ohne Erinnern, denn unsere Vorstellungskraft wird aus dem gespeist, was wir kennen. Je mehr wir wissen, desto mehr neues können wir uns auch ausdenken – theoretisch. Doch so einfach ist das nicht. Tatsächlich gibt es zwei Arten von Erinnerungen: Passive und aktive. Die Passiven können wir nur ablesen – es wird gebraucht, um etwas wiederzuerkennen. Die Aktiven enthalten Kopien der Informationen, die du einmal erhalten hast und die du bewusst behalten wolltest.

 

Was wir uns „ausdenken“, ist in Wahrheit die Kombination aus dem, was wir kennen.

Passives Gedächtnis – oder das Shinobigehirn

Das passive Gedächtnis ist vollständig unterbewusst gesteuert. Objekt 1 wird abgespeichert mit den Eigenschaften A, B und C. Wenn das Gehirn zukünftig A, B und C an einem Objekt wahrnimmt, ordnet er es »Objekt 1« zu. Den Vorgang nimmst du gar nicht wahr. Auf diese Weise speichern wir beispielsweise Gesichter und Frisuren von Freunden.

Wenn du etwas siehst, das bereits gespeichert wurde, gibt dir dein passives Gedächtnis das vage Gefühl von »kenn ich schon«. Dein Unterbewusstsein durchforstet also deine Datenbank. Ist es vorhanden, wird es automatisch mit dem Label »uninteressant« markiert. So kommt es, dass ein Kind zum Beispiel von allem fasziniert ist, was es sieht, weil sein passives Gedächtnis fast leer ist. Auf die Art nimmt es wahr, was man als erwachsener maximal noch am Rande registriert.

Das passive Gedächtnis ist sehr schnell und praktisch. Es merkt sich alles, was dir begegnet, ohne dein Bewusstsein anzusprechen, und erkennt es auch wieder. Du siehst etwas, die Augen transportieren dies ins Gehirn, und plötzlich weißt du, was du dir gerade ansiehst. Und das ganz ohne zu bemerken, dass es einen kurzen Moment gab, in dem du es nicht wusstest. Dein Bewusstsein hat die Frage noch gar nicht gestellt, da hat das Unterbewusstsein sie schon beantwortet.

Aktives Gedächtnis – oder die Arbeit mit dem Merken

Das aktive Gedächtnis funktioniert anders. Es erfordert die bewusste Handlung, sich etwas einzuprägen – so merken wir uns Namen oder Nummern. Häufig ist das ziemlich mühselig, denn das aktive Gedächtnis muss auch absichtlich angesteuert werden. Dadurch ist es entsprechend langsamer. Du weißt die Frage und die Antwort (oder ihre Abwesenheit), und du musst dich aktiv bemühen, die Information einzuspeichern.

Ein Beispiel: Deine Freundin hat einen neuen Haarschnitt. Dein passives Gedächtnis sagt, etwas ist anders. Nun ist dein aktives Gedächtnis gefragt, um das alte Bild zurückzuholen. Wenn du dir vorher nicht die Mühe gemacht hast, die Frisur bewusst einzuschärfen, existiert höchstwahrscheinlich keine abrufbare Kopie in deinem Kopf – nur eine Art Schablone. Auf die volle Information kannst du aber nicht zugreifen. Das passive Gedächtnis ist der Teil von dir, der dir sagt du weißt es, aber du kannst nicht sagen was genau du weißt.

Ich weiß nicht, was ich weiß

Die Grundfunktion von passivem und aktivem Gedächtnis sind eigentlich gleich, aber der Prozess des Abspeicherns und Abrufens unterscheiden sich.

Stell dir vor, deine Erinnerungen würden hinter einer Tür liegen, in einem Raum. Dein Shinobigehirn stopft diese Kammer ständig voll, ohne dass dein Bewusstsein dies merkt. Danach macht es einfach die Tür zu. So kann dein aktives Gedächtnis lediglich einen Blick durch das Schlüsselloch werfen, um zu erahnen, was dahinterliegt. Dies ist so ungenau, dass es daraus nur kleine Informationen hindurch wie »ja« oder »nein«, als Antwort auf die Frage »ist Information X darin gespeichert?« herauslesen kann.

Das Unterbewusstsein speichert, ohne dass wir es richtig mitbekommen.
Das Bewusstsein kann nur durchs Schlüsselloch sehen.

Die Arbeit muss man selber leisten

Wenn du nun abrufbare Informationen speichern willst, musst du dir viele Details bewusst einprägen. In diesem Fall arbeitet dein aktives Gedächtnis. Es nimmt das Objekt, das es speichern möchte, von allen Seiten und so genau wie möglich wahr. Dies führt dazu, dass es das Gesehene so oft durch die Tür getragen hat, dass diese erst einmal offen steht und das dahinterliegende klar und deutlich erkennbar ist.

Sich etwas richtig einzuprägen ist harte Arbeit.

Leider kommt es auch vor, dass diese Türen sich mit der Zeit wieder schließen, so dass es schwieriger wird, Informationen zurückzuholen. »Ja« oder »nein« passen lange durchs Schlüsselloch; bewusste Erinnerungen verschließen sich in der gleichen Geschwindigkeit, aber die Öffnung wird schnell zu eng für die großen Informationsbrocken auf der anderen Seite. Dagegen hilft nur, die Erinnerungen aufzurufen, bevor sie nicht mehr hindurchpassen – das ist, was man beim Wiederholen macht.

Natürlich ist das nur eine sehr vereinfachte Erklärung. Das menschliche Gehirn und seine Funktionsweise ist immer noch nicht zu 100 % erforscht und ist mit Sicherheit viel komplexer. Aber alles was du verstehen musst, ist die Metapher von passivem und aktivem Erinnerungsvermögen, damit wir der Sache mit dem Zeichnen aus dem Kopf näherkommen.

Vorstellungskraft = Erinnerungssalat

Jetzt wissen wir, warum wir nicht immer zeichnen können, was wir meinen zu kennen, aber es geht noch weiter: Ich behaupte jetzt, dass die Kreatur in deinem Kopf keine visuelle Gestalt hat. Aufgrund der Komplexität unseres Gehirns ist das nämlich unwahrscheinlich. Beispielsweise hast du bei dem Wort »Becher« automatisch eine Form vor Augen, aber spürst auch seine Rundung, das Gewicht, vielleicht riechst du sogar den Kaffee oder Tee darin.

Schauen wir uns die Kreatur noch einmal an. Was siehst du? Oder fühlst du eher etwas, hörst etwas: das Gewicht des Körpers, das Rasseln der Schuppen über dem Boden. Es gibt sogar Gefühle, die keinem Sinnesorgan zuzuordnen sind, wie das Zuschnappen des Kiefers vor deinem Gesicht.

Diese Informationen gaukeln dir vor, dass die Kreatur rundum visuell sichtbar ist. Doch dieses Visuelle, was du zum Zeichnen brauchst, bleibt ziemlich beschränkt.

Wie kannst du überprüfen, ob dein visuelles Bild vollständig ist?

Teste deine Vorstellungskraft

Frage dich selbst aus über die Details der Kreatur und beantworte dies in Worten, nicht in Skizzen. Je detaillierter deine Antworten ausfallen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du es richtig zeichnen kannst.

Es wartet eine Falle auf dich. Vermutlich wirst du die Fragen einfach finden:

Wie viele Beine hat es?

Wie groß sind seine Augen?

Wie lang ist sein Schwanz?

Wie lang sind seine Beine?

Welche Farbe hat es?

Welches Muster hat es?

Ist es groß oder klein?

Ist es männlich oder weiblich?

Ist es kräftig oder dünn?

Was hat es für Füße? Pfoten, Tatzen, Hufe?

Das Problem an all den Antworten ist: Sie sind in sich immer noch Fragen! Was heißt »kräftig«? Was bedeutet »groß« oder »klein«? Was ist der Unterschied zwischen Pfoten und Tatzen, zwischen männlich und weiblich?

Bein ist nicht gleich Bein!

Das alles sind wieder Informationen, die in deinem passiven Gedächtnis gespeichert sind, weshalb du das Gefühl hast, die Antworten zu kennen, aber das heißt wieder nicht, dass du auf sie zugreifen kannst!

Deshalb haben wir den Drang zu sagen »ich kann es nicht beschreiben, aber wenn ich es aufzeichnen kann …« Dein passives Gedächtnis sagt dir, einen Vergleich zur Verfügung zu stellen, damit es auf die Frage antworten kann. Also zeichnest du es optimistisch auf, und die Antwort die du kriegst ist: »Nope, das sind keine Pfoten.« Ganz schön deprimierend.

Du kannst dich auch andersherum testen. Wenn du meinst zu wissen, wie ein richtiger Flügel aussieht, solltest du auch beschreiben können, wie ein Flügel nicht aussieht. Die Chancen sind hoch, dass du nicht weißt, wie ein Vogelflügel anatomisch aufgebaut ist. Hab ich Recht?

Ja und was mache ich nun aus der Erkenntnis?

Problem erkannt, jetzt kann man es angehen. Wie? Du musst »nur« dein passives Gedächtnis durch dein aktives ablösen. Hier ein paar Tipps, wie das zu Erreichen ist.

Konzentrier dich auf ein Medium

Mach es dir nicht schwerer als es ist. Benutze ein Medium, eine Technik. Wenn du Probleme hast mit dem Zeichnen aus dem Kopf, kombiniere es nicht mit dem Problem des richtigen Schattierens. Immer ein Feind zur gleichen Zeit.

Mein Rat wäre, einfach zu Bleistift und Papier zu greifen – auch ein Graphiktablett kann Komplikationen mit sich bringen. Wenn du gut im kolorieren oder schattieren bist, könnte dich das auch verleiten, damit deine nicht entwickelten Skills zu kaschieren.

Konzentriere dich auf einen Feind.

Finde deine Unskills

»Ich kann nicht zeichnen«, ist das schlimmste, was ein angehender Künstler über sich sagen kann. Zeichnen hat viele Aspekte, und ich bin sicher du hast einige davon schon gemeistert, wie den Stift richtig zu halten und auf das Papier zu drücken. Wenn du andersherum gut im Abzeichnen (nicht Durchpausen) bist, könntest du sehr optimistisch über deine Fähigkeiten denken, und wenn es dann aus dem Kopf nicht klappt, ist die Enttäuschung natürlich groß.

Lass die Frustration darüber los, indem du die Aspekte des Zeichnens voneinander trennst – zeichnen als manuelle Fähigkeit und das Verständnis über das Objekt als mentale. So kannst du dich aufs Lernen konzentrieren, ohne dass du das Gefühl hast, du seist unfähig.

Zeichne etwas auf, dann schau es dir genau an. Was stimmt damit nicht? »Sieht komisch aus« ist keine Antwort. »Die Beine sind falsch« ist schon besser. Du kannst »komisch« nicht korrigieren, aber du kannst lernen, wie Beine richtig aussehen. Und »ich kann Beine nicht aus dem Kopf« ist ein viel einfacheres Problem als »ich kann nicht aus dem Kopf zeichnen«.

Es geht nicht alles auf einmal.

Fazit: Wenn du abzeichnen kannst, ist das Zeichnen nicht dein Problem. Wenn du eine Telefonnummer nicht aufschreiben kannst, liegt es ja auch nicht daran, dass du keine Ziffern schreiben kannst. Du hast die Nummer bloß nicht im aktiven Gedächtnis gespeichert.

Also heißt es nicht »ich kann kein Pferd zeichnen«, sondern »ich kann mich nicht daran erinnern, wie ein Pferd aussieht«. Die Lösung ist, dir genau zu merken, wie ein Pferd aussieht. Nun ist ein Pferd ein extrem komplexes Objekt – wie man trotzdem dort hinkommt, erkläre ich dir im nächsten Artikel.

3 Gedanken zu „Zeichnen lernen – Von der Denkblase zum Bild

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