Zeichnen lernen – Formen verstehen mit allen Sinnen

So jetzt geht’s ans Eingemachte! Wann erzähl ich endlich, wie man epische Gemälde zaubert? Ja Moment, immer ruhig mit den jungen Pferden. Es hat schon seine Gründe, warum noch keine Meister vom Himmel gefallen sind.

Ich sehe viele Zeichenschulen, die direkt an die Anatomie gehen – klar, man will ja zeichnen, weil man etwas Bestimmtes darstellen will. Während ich das für eine gute Motivation halte, denke ich trotzdem, dass viele zu wenig auf die Grundlagen eingehen. Die Basis ist nämlich erst einmal das tatsächliche Begreifen von Form.

Dreidimensionales Denken

Viele Leute erzählen mir, dass sie genau das nicht können. Wenn du dazu gehörst und jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägst: Keine Sorge, das kann man lernen. Das muss man sogar lernen. Also Haltung wahren, Hopfen und Malz sind nicht verloren.

Dies vorangestellt ist das Lernen von räumlichem Denken nichts, was man in drei Stunden abreißt. Es ist ein langer Prozess, der einiges an Übung erfordert, um unserem Gehirn begreiflich zu machen, wie er die passiv wahrgenommenen Formen aktiv ins Zweidimensionale umsetzt. Dafür hier ein paar Trainings-Vorschläge:

Origami

Hä? Was hat das mit Zeichnen zu tun? Ja nichts, mag man meinen, aber doch eine ganze Menge – man bringt das zweidimensionale Papier in die dritte Dimension, sprich man macht aus „flach“ einen „Körper“. Hierbei werden die geometrischen Verhältnisse der Kanten etc. meistens leicht verständlich dargestellt (falze durch die Mitte, orientiere dich an der Papierkante u.Ä.). Eine ideale Übung für das Gehirn, um ein Gefühl für Raum und Relationen zu entwickeln.

Die Ping-Pong-Ball-Übung

Ist ja gut, jetzt darfst du endlich den Stift in die Hand nehmen. Lege dir ein paar Tischtennisbälle bereit und male diverse Muster auf sie – Längen- und Breitengrade, ein Fadenkreuz, unterschiedlich große Kreise. Jetzt nimmst du dir einen und malst ihn aus verschiedenen Perspektiven. Siehst du, wie der Blickwinkel die aufgemalte Form beeinflusst? Diese Verkürzung und Krümmung wird dir häufig begegnen, und anhand von einer leicht verständlichen Form wie einer handlichen Kugel kann man es gut begreifen.

Level Plus 1: Modelliere mit Knete kleine Unebenheiten auf die Kugel, und zeichne das aus variierenden Richtungen!

Freiform

Das ist eine Übung, die mein Vater mir zeigte, als ich zu zeichnen anfing. Wir Zeichner kritzeln ja irgendwie immer so vor uns hin – meistens sind es Sachen, die uns einfach gut liegen, oder die wir gerne mögen. Man kann diese Zeit aber auch wunderbar zum nebenbei trainieren nutzen – zeichne als erstes eine zufällige Form auf das Papier, und dann ergänze sie mit formgebenden Linien. Gib ihr Löcher, kurven, ziehe Teile vor, indem du sie schraffierst. Das Gute hierbei ist, dass es keine Vorlage gibt; du musst die Form also aktiv erschaffen, was eine hervorragende Übung ist, um nicht ins reine Abzeichnen zu rutschen.

Festgelegte Formen

Überlege dir eine Form und zeichne sie aus verschiedenen Perspektiven. Am Anfang empfehle ich einfache, wie Würfel oder Zylinder. Versuche auch, ungewöhnliche Ansichten auszuprobieren, wie einen Makro- oder Hyperwinkel, vielleicht sogar eine Fischaugenperspektive. Die Form sollte dabei nicht zu komplex sein – es geht darum, dass man ein Gefühl für die Verhältnisse und Verkürzungen bekommt, die beim Betrachten aus unterschiedlichen Richtungen auftreten.

Formvorschläge:

Speedsketching

Setze dich mit deinem Skizzenblock in die U- oder S-Bahn und such dir etwas oder jemanden aus, das oder den du skizzieren willst. Und dann presto! Es geht nicht darum, möglichst viele Details einzufangen, sondern das Bild, das dein Shinobi-Gehirn sich geschnappt hat, fix zu Papier zu bringen. Es ist deshalb eine gute Übung, weil die Leute in der Bahn nur eine gewisse Zeit anwesend sind, und es fühlt sich auch komisch an, sie dauerhaft anzuglotzen, weshalb du dazu gezwungen bist, schnell zu arbeiten, ohne ständig hinzugucken.

Alles langweilig?

Keine Ahnung wie dich das dort hinbringen soll, wo du hin willst? Ich bin jetzt ganz frech davon ausgegangen, dass figürliches Zeichnen dir, wie vielen anderen, besonders wichtig ist. Ob Tier, Mensch oder Monster. Und wenn dir diese Übungen alle sinnlos vorkommen, sieh es mal so:

Die Ping-Pong-Ball Aufgabe ist eine hervorragende Übung, um Augen in unterschiedlichen Perspektiven zu trainieren, denn im Grunde ist es ja nichts anderes. Wenn du mit Knetmasse die Form der Augenlider nachempfindest, hast du ein perfektes Übungsobjekt, um die Verkürzung des Auges zu üben. Das würde ich dir allerdings erst empfehlen, wenn du es schon eine Weile geschult hast.

Unter den Formvorschlägen sind unter anderem solche dabei, die als Basis für den menschlichen Brustkorb oder die Hüfte dienen – diese aus verschiedenen Richtungen zeichnen zu können, wird es dir in den nächsten Lektionen erheblich vereinfachen, nicht nur abzuzeichnen, sondern einen Körper als Form richtig zu begreifen. Das Speedsketching zielt darauf ab, dass du dich nicht in Details verfängst, und soll die Brücke zwischen deinem aktiven und passiven Wahrnehmen ausbauen.

Das sind alles Dinge, die du brauchst, wenn du einen eigenen, fundierten Stil entwickeln möchtest. Es ist einfach, Bilder gut aussehen zu lassen, indem man viele Details ausarbeitet oder schicke Farbverläufe setzt. Ich kenne viele Zeichner, bei denen ich genau das beobachte. Sie haben solide Techniken entwickelt, aber die Basis, das dreidimensionale Begreifen, ist nicht vollständig ausgebaut, und ohne das ist auch jegliche Bemühung um Anatomie, natürliche Bewegung, selbst Mimik und Gestik schnell an der Grenze. Ich bin meinem Vater sehr dankbar dafür, dass er mich früh darauf aufmerksam gemacht hat, auf die Basics zu achten, und hoffe es auch an andere Zeichenbegeisterte weitergeben zu können. Es ist nicht die spaßigste Aufgabe, aber es wird sich lohnen. Versprochen.

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