Zeichnen lernen – Hack es in Stücke

Portraitmalen bei Kitsuneko
Draw me like one of your french girls

In meinem ersten Artikel habe ich euch beschrieben, dass es beim Zeichnen nicht nur darum geht, den Stift übers Papier zu ziehen. Viel wichtiger ist, dass du ganz genau weißt, wie das, was du darstellen willst, eigentlich aussieht. Dafür sind möglichst viele, rein visuelle Informationen nötig. Okay, also gut hingucken, alles klar. Aber wenn du dann versuchst es wiederzugeben, ist es doch nicht ganz so einfach – woran liegt das?

Too much information

Artwork Saya - Winter
Saya – Winter

 

Wenn du dir jetzt dieses Bild ansiehst, was siehst du da? Du siehst eine komplette Komposition, bestehend aus Hintergrund, Farben, Effekten, Schattierungen und einer Figur. Das sind extrem viele Informationen, die wir uns so schnell gar nicht merken und erst recht nicht begreifen können. Der Trick? Reduzieren.

 

Saya vereinfacht
Informationen reduzieren

 

Ohne Farbinformationen und Schatten bleibt eine Figur übrig – und auch die ist noch sehr komplex. Lasst uns in der Vereinfachung einen Schritt weitergehen und die Figur in leicht greifbare Formen aufteilen. Hier kommt dir die Formenübung aus der letzten Lektion zugute.

 

Rund vs. eckig

Das ist dir sicher alles nicht neu, schließlich arbeiten die meisten Manga-Zeichenkurse mit solchen Grundformen. Genaugenommen fangen sie damit an – ja jetzt sind wir auch endlich da angekommen. Das sieht dann in etwa so aus. Jetzt bin ich kein allzu großer Freund davon, Kopf und Körper in Kugeln zu wandeln. Denn eine Kugel ist zwar theoretisch eine einfache Form, Kurven sind aber schwieriger zu begreifen als überschaubare gerade Linien.

Typische Anleitung für Mangafiguren
Typische Anleitung für Mangafiguren

Deshalb arbeite ich beim Aufschlüsseln der Formen gerne mit eckigen Körpern und Flächen. Anstatt der diffusen Information von weichen Linien hat das Gehirn hierbei Eckpunkte und Kanten, an denen es sich orientieren kann. Außerdem sind geometrische Formen auch später leichter in eine Perspektive zu bringen, wenn wir so weit sind. Versuch mal eine Kugel in Vogelperspektive zu zeichnen – spätestens da wirst du an der Verzerrung der Kurven verzweifeln. Wie du siehst: Vorteile über Vorteile!

 

Teile eines Ganzen

Basisform Würfel
Basisform Würfel

Das Aufschlüsseln in simplere Formen kann man selbstverständlich nicht nur auf den menschlichen Körper anwenden.Wenn du dich damit vertraut machst, wird dir jede komplexe Gestalt leichter fallen, ob organisch oder anorganisch. Zwei Kuben in Relation zueinander zusammenzufügen ist viel einfacher, als ein verworrenes Gebilde direkt als ganzes begreifen zu wollen.

Verkappte Experten

Bevor wir uns aber auf die menschliche Anatomie stürzen, fangen wir bei einem Tier an – ich habe hier als Beispiele einen Hund und ein Pferd. Warum, fragst du dich? Ganz einfach: Unser Gehirn ist ein Menschenexperte. Wir sind es so gewohnt, Menschen zu sehen, so dass es schwierig ist, sie bewusst zu vereinfachen. Unterbewusst kennen wir so viele Details, dass es uns schnell falsch vorkommt, wenn diese fehlen, ohne dass wir es direkt benennen können. Wenn du jetzt nicht ausgerechnet Hundehalter und begeisterter Reiter bist, stehen die Chancen gut, dass du nicht so viele Informationen aller Art über diese Tiere gespeichert hast, weshalb es dir leichter fallen wird, sie als Objekt zu betrachten.

Ran an den Hund

Ich fange also damit an, direkt auf dem Foto zu arbeiten. Zuerst suche ich nach den parallelen Linien der möglichst vereinfachten Formen und teile den Hund in seine Bestandteile auf. Während ich den Kopf aufteile, lege ich ein Augenmerk darauf, wo die Augenlinie verläuft, denn wo die Augen sitzen ist immer sehr charakteristisch.

Der Hund in Einzelteilen
Der Hund in Einzelteilen
Das Pferd in Einzelteilen
Das Pferd in Einzelteilen

Bei einem Jäger wie einem Hund liegen sie frontal, damit er die Entfernung zu seiner Beute einschätzen kann. Deshalb siehst du auch, dass es eine „Kante“ an der Stirn gibt, worunter die Augenlinie liegt. Der Pferdekopf hat von der Seite gesehen ein gerades Profil, und die Augen befinden sich seitlich am Schädel. So hat das Pferd als Fluchttier einen weiten Blickradius.

Wo bei dem Hundeschädel das Schnauzensegment durch die Augenkante abgesetzt ist, ist der Pferdekopf ein ziemlich simpler trapezförmiger Quader. Der Winkel, in dem der Kopf steht, ist bei einem Pferd sichtbar steiler, die Augen liegen höher am Schädel. Wo der Hund einen zylinderförmigen Hals hat, ist er beim Pferd deutlich höher als breit. Schau dir an, wo die Unterschiede sind – das sind nämlich genau die Dinge, die wir nur unbewusst wahrnehmen.

Spielen mit Körperteilen

Wenn du eine Grundform herausgearbeitet hast, kannst du versuchen, Verhältnisse im Körper zu suchen. Wie oft passt der Kopf in die Gesamtlänge? Wie hoch ist der Torso im Verhältnis? Ich nehme meistens den Kopf als Referenz – den haben die meisten Lebewesen. Wahlweise fange ich mit dem Kernstück, nämlich dem Brustkorb an, weil ich es am einfachsten finde, an diesen entsprechend die Teile anzusetzen.

Nimm dir Zeit, die wichtigen Komponenten genau zu verstehen, binde sie in deine Kritzeleien ein, mit denen du deine Heftränder verzierst. Gerade Formen wie der Torso werden dir immer mal wieder begegnen, und so etwas aus verschiedenen Winkeln zu begreifen wird dir an unerwarteter Stelle helfen.

Im nächsten Artikel fangen wir dann endlich an, einen Menschen zu zeichnen. Versprochen!Merken

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