Booty Invasion oder der Horror von ignoriertem Private Space …

Wir kennen es alle. Jeder Mensch hat seinen Umkreis, den er gern für sich hat. Ein unsichtbaren Radius, den wir in unseren Gedanken erschaffen. Hier hinein lassen wir nur, wer uns sympathisch genug ist. Zumindest versuchen wir es. Natürlich gelingt es nicht immer. Vollgestopfte Bahnen und andere dichtgedrängte Situationen können es schwer machen diese Schutzblase frei von keimbehafteten Kreaturen zu halten. Ein ganz neues Niveau dieser »Verschmutzung« erlebte ich dann schließlich an einem nett geplanten Abend, der nach langer Zeit der Ausgehabstinenz eigentlich zur allgemeinen Entspannung dienen sollte.
Voller Vorfreude und wie üblich aufgestylt sollte es mit meiner Freundin Jana in eine Bar gehen. Endlich!, war mein einziger Gedanke, da der Besuch eines solchen Etablissements schon viel zu weit zurücklag. Mich hätte der Name bereits stutzig machen sollen: »Zum singenden Greifen« wurde es genannt. Doch scheinbar war ich durch die Neufindung meines Styles, der von Gothic-metal-nerdism spontan zurück zu Jeanslook mit K-Pop-Einfluss umgeschlagen war, noch nicht bis in den Wahrnehmungsbereich meines Gehirns vorgedrungen. Nun, Denken ist bekanntlich manchmal schlicht Glückssache und so endeten wir, zu später Stunde vor allem Jana, in einer mehr als verstörenden Situation.
Bei ihr eingehakt schlenderte ich los, eine Melodie vor mich hinsummend und die Kühle der Nacht genießend. Vielleicht, so dachte ich, ließen sich neue Bekanntschaften finden, einige interessante Menschen, die derartig herausstachen, dass sie das Gefühl des kindlichen Inbesitznehmens triggerten. In Gedanken malte ich mir bereits alles aus: Eine edle Bar in all ihrer atmosphärischen Schönheit, von bequemen Sitzecken zu einem tadellosen Marmorboden, das ganze gekrönt von einem Barkeeper mit elegantem Kurzhaarschnitt und in Hemd und Weste, wie es sich gehörte. Das Erwachen aus diesem Traum war härter als gedacht.
Schon am Zielort angekommen und die wenigen Stufen hinabsteigend, die in ein enges Gänglein führten, machten sich erste Zweifel in mir breit. Diese ignorierend tapste ich mutig durch die Tür, immer noch geistig bei meiner Hoffnung eingehakt, dass ich vor lauter Elan fast gegen den Tresen prallte, der bereits nach einem Schritt hinter der Tür in meinen Weg wuchs.
Überrascht und aus dem Takt gebracht fing ich die Kollision ab, doch hörte ich meine Wunschvorstellung zerplatzen als explodiere neben mir ein Sektkorken. Vor meiner Nase befand sich der Greifen-Barkeeper. Sicher ein ungewöhnliches und durchaus seltenes Exemplar mit seinem langhaarigen Zottel-Undercut, in dem sich ein farbenprächtiger Regenbogen verfangen zu haben schien. Kein Hemd, keine Weste, keine ruhige Atmosphäre – letztere wurde sogar komplett vernichtet durch die markerschütternde Musik und die vielen Stimmen der dunklen Gesellschaft. Wohin ich sah erblickte ich das typische Bild eines Goths oder Metalers vielleicht auch Rockers, Übergänge sind zuweilen fließend. Ich fühlte mich instant unwohl in meinem Outfit, das eher auf ein mainstream-basierendes Ambiente ausgerichtet war. Es schien mir so angebracht wie ein Bikini bei einer Apres Ski Party.
Fairerweise muss man sagen, dass sich niemand an meinem Aufzug störte und vor wenigen Wochen hätte ich wohl auch nicht so verschreckt auf eine derartige Umgebung reagiert. Nach langen Jahren der Ehe mit einem Nerd-Pseudorocker hatte ich jedoch eine gewisse Abscheu gegen dieses Umfeld entwickelt.
Durchatmen, war die Devise und versuchen nicht an dem Rauch zu ersticken, der in fetten Schwaden aus einer unbestimmbaren Richtung herzog. Derweil packte mich Jana und schleifte mich zielbewusst zu einer der wenigen Sitzgelegenheiten, während ich hierbei fast über meine eigenen Beine stolperte. Die kesse Rothaarige war hier Stammgast, so hatte sie mir früher schon erzählt, und mit einem Strahlen schob sie mich in eine Ecke, in der ich nur zu dankbar versumpfte und am liebsten direkt verschwunden wäre.
Nach erfolgreichem Beschaffen der ersten Cocktails sank auch sie auf einen der Hocker und grinste freudig, als sie mir einen »Yellow Ogre« zuschob. Zugegeben, das Zeug schmeckte nicht schlecht. Doch die Assoziation mit einem fiesen gelben Ork, der in meinem Glas saß und von dem ich glaubte ihn hämisch keckernd zu hören, ließ mich mein Getränk häufiger skeptisch mustern, als es zu trinken.
»Und? Gefällt’s dir? Ist richtig schick, oder?«, unterbrach Janas Stimme die kleine Pause zwischen den Liedern, in der etwas, das man Unterhaltung nennen konnte, zumindest ein paar Sekunden möglich war.
Schick war vielleicht nicht unbedingt das Wort, das ich hierfür gewählt hätte. Doch bevor ich mehr als ein kurzes Grinsen zustande bringen konnte, erzählte sie bereits weiter:
»Ich bin ja jeden Monat beim Ghulstammtisch. Das ist sowas von cool und die sehen dann auch alle so aus.«
»Der ist dann wohl heute«, stellte ich nach einem prüfenden Blick in die Runde fest und nickte, um mich selbst zu bekräftigen. Wenn es ein Themenstammtisch war, dann konnte ich den Aufzug der Gäste ganz gut nachvollziehen.
»Ne, der ist immer am ersten Freitag des Monats.«
Also nicht heute! Ich spürte selbst, wie mein Ausdruck gleich einem Eisblock gefror. Das heutige Auftreten der Besucher war also deren … normales … Outfit! Was zum Teufel lief hier dann rum, wenn der sogenannte Ghulabend war?
Ich entschied, dass ich es nicht erfahren wollte. Niemals!
Allmählich füllte sich der Laden und die Anzahl der Gäste nahm so rasant zu, dass ich glaubte, der kleine Raum würde demnächst entweder auseinanderbrechen oder einen Fehler in den physikalischen Grundgesetzen verursachen und eine eigene Dimension erschaffen. Und obwohl bereits das Gefühl herrschte, dass mehr Menschen als Luft hier drinnen waren, brach der Strom an Leuten nicht ab, die weiter ins Innere drängten.
Inzwischen waren alle Sitzplätze belegt und das ganze hatte sich schon in eine Art Stehparty verwandelt. Lächelnd beobachtete ich Jana, die mir gegenübersaß. Ihr sonst so geheiligter Private Space hatte seine Mauern längst gestürmt und eingetrampelt vorgefunden, und auf Höhe ihres Hauptes wurde sie zunehmend von den Hintern herumstehender Männer bedrängt. Ich erkannte, wie ich zugeben muss nicht ohne Schadenfreude, wie sich sämtliche Muskeln in ihrem Gesicht mehr und mehr verspannten. Immer wieder schwenkte ein fremdes Gesäß nur Millimeter vor ihrer Nase vorbei, wenn sie sich in einem Anflug von Platzangst kurz zur Seite wandte. Umgeben von wippenden Pobacken, die sich, wie es schien, mit ihren Wangen regelrecht paaren wollten, durchlief sie mit voranschreitender Stunde immer häufiger ein Zucken.
Doch der wahre Horror trat erst ein, als ein Trinkspiel direkt über ihrem Kopf stattfand und sich die Hintern wie auf ein geheimes Kommando zur Frontansicht wandelten.
Immerhin waren wir nicht in einer Sauna, also irgendwie schon, aber nicht offiziell, so dass alle wenigstens die Hosen anbehielten. Trotzdem war selbst dies der hartgesottenen Ghulstammtischlerin scheinbar zu viel. Während ich vor Lachen fast nicht auf den Beinen bleiben konnte, schleifte sie mich aus der Bar um dem Terror männlicher Unterleibe zu entgehen.
Und für mich stand eines fest … trotz Lachflash wollte ich niemals selbst in dieser Hölle aus Hintern enden.

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