Von Kleidern und Zombies …

Wie alles begann …
Harmlos, will ich behaupten. Denn wieder mal stand eines der »Events« an, für die ich mich so sehr begeistern kann. Wer mich kennt, kann sich’s denken: Es geht darum, neue Leute kennenzulernen. Eines meiner präferierten … nennen wir es: Hobbys. Dieses Mal sollte es sich um ein Exemplar der menschlichen Spezies handeln, über das ich schon zuvor aus diversen Quellen einiges gehört hatte. Dementsprechen formte sich logischerweise vorab ein gewisses Bild in meinem Kopf. Was dann aber auf mich zukam, nietete alle Vorstellungen mit einer derartigen Konsequenz um, dass mir nix anderes übrig blieb, diesen gewaltigen Sturm an Persönlichkeit fasziniert in seinem natürlichen Umfeld zu beobachten.

Gesprächsinfiziert …
Würde ich behaupten das folgende Gespräch haftete mir generell am meisten in meinen Erinnerungen wäre dies schlicht gelogen, denn der ganze Nachmittag inklusive der kompletten Gesprächsreihen zu unterschiedlichsten Themen war äußerst unterhaltsam. Dabei sei gesagt, dass es nicht einmal hauptsächlich um einen erhöhten Anspruch in der Themenwahl ging. Sicher, ein bestimmtes Maß an Intelligenz war vorhanden, wer jedoch auf einen mit Worten jonglierenden, wohlüberlegten Poetryslam hofft, wird enttäuscht werden. Aber punkten konnte die Situation allemal und die nachfolgende Konversation gehörte zu den witzigsten, bei der ich in meinem bisherigen Leben zugegen war.

Was man wissen muss …
Als Vorwort sei die Grundsituation erklärt: Das Thema drehte sich um Rollenspiele und Erzählweisen. Jene Art Rollenspiele, die einen Spielleiter und Spieler verlangen, die so gesehen ein interaktives Theaterstück zusammen auf die Beine stellen und mittels ihrer Fantasie (und manchmal mit Würfeln, Papier, Bleistift und weiteren Utensilien) in die Wirklichkeit eines Wohnzimmers transportieren. Eine anspruchsvolle Abendunterhaltung, sofern die Mitmischenden ihr »Handwerk« in diesem Gesellschaftsspiel verstehen.
Als Handelnde dieses Meinungsaustausches finden wir zum einen Mayumi, ihres Zeichens zeichnende Halbasiatin mit dem typischen Asiabonus in diversen Softskills (zeichnen, nähen, kochen (letzteres wurde in diesem Augenblick nebenher betrieben), und ähnliches) und Ole den … wie drück ich es liebevoll aus? … Powergamer, egal ob im Spiel oder im wahren Leben. Für jene, die dem Gamerslang nicht naturgemäß verbunden sind, sei eine kurze Erklärung hinzugefügt: Powergamer – die Art »Spieler«, die möglichst schnell, möglichst viel erreichen und mit möglichst viel Kraft und BAM!! zielgerichtet die vorhandenen Mechaniken eines Systems aushebeln. Oftmals gehen sie den eher ruhigeren Gelegenheitsspielern zeitweise aufn Keks, sind jedoch, und das muss betont werden, recht effektiv in ihren Ergebnissen – manchmal sogar … zu effektiv.

Willkommen in Hühnchens Debattierclub …
Nun, unter besagten Protagonisten ereignete sich das folgende Szenario, dessen ich beiwohnen durfte und das ich versuche detailgetreu wiederzugeben.
Wir waren also bei einer Kontroversen darüber, wie man ein Abenteuer mit seinen Teilnehmern spielt, sprich eine Grundsatzdiskussion über Erzählweisen.
M: … und es gibt so eine Art zu spielleiten, die gefällt mir eben nicht, weil es eine Geschichte ist, wo egal ist, wer in dem Moment sozusagen der »Held« ist. Und das sind dann die Stories, wo am ersten Abend Phosphorgranaten aufm Marktplatz von Spießbürgerhausen hochgehen.
O: Oh ja, die kenn ich. Naja, das kann halt passieren.
(Anhand seiner Mimik war davon auszugehen, dass er selbst genau solche Situationen nicht nur miterlebt, sondern eher ausgelöst hatte.)
M: Ja aber … (seufzend mit einem gereizten Funkeln in den Augen, das dem bereits toten Hühnchen vor ihr einen postmortalen Schauer über die Haut jagte) Das mag ich einfach nicht. Ich bevorzuge Geschichten mit Tiefe und … auf den Charakter ausgelegt. Und nicht sowas Unpersönliches, wo es lediglich um die Handlung an sich geht.
O: Zum Glück kann man das ja unterschiedlich aufziehn.
M: Ja klar, darum sag ich halt, find ich blöd. Ich mag ein Spiel mehr wo es um … Soziales geht. Beispielsweise habe ich gemerkt, wenn ich in einer Situation nicht mehr mit diskutieren raus komme, bin ich schlicht verloren. Deshalb kann ich auch diese ganzen Zombiesachen nicht. Wenn die auf mich zu rennen, bin ich tot.
O: Wieso das denn? Hau die doch einfach um.
(Ein Kommentar, der mit einem derart selbstverständlichen Tonfall geäußert wurde, dass ich den Eindruck gewann, selbst das Hühnchen nicke ihm trotz Kopflosigkeit überzeugt zu. Währenddessen hielt Mayumi in eindeutig geistiger Gegenhaltung besagtes Verräterhühnchen am Kragen, um es der Länge nach durchzusäbeln. Täuschte ich mich, oder wurde es kälter? Jedenfalls schwenkte nun tatsächlich das Thema ein wenig zu …)

Grundlegenden, unbedingt zu beachtende wissenschaftlichen Aspekten!
M: Aber das kann ich nicht. Und die sind ja manchmal auch verdammt schnell die Viecher.
O: Ach was, sind sie nicht. Man kann immer was tun, sonst lauf halt weg oder versteck dich.
M: Ja und wenn ich versteckt bin und mich einer findet, bin ich trotzdem tot. Sofern ich überhaupt weg komme, weil SCHNELL! Überleg mal wie die in manchen Filmen auf dich zu sprinten.
O: Was auch völliger Quatsch ist. Ein Zombie kann niemals schnell sein, weil er aus verfaulenden Muskeln sowie verrottenden Knochen besteht. Wie soll man damit denn rennen können?
(Erstaunlich war an diesem Punkt schon wie die Diskussion über Erzählstrukturen und dem Pro und Kontra von handlungsbasiert versus charakterbasiert auf das Thema der Physiologie von Zombies (!!!) umschwang.)
M: Reden wir gerade wirklich darüber was in einem Fantasyszenario mit Zombies realistisch ist?
(Jap, taten sie, eindeutig. Immerhin wurde es bemerkt. Bemerkt aber nicht wieder in andere (sinnvollere) Bahnen gelenkt!)
O: Ja aber ist doch so. Und was tun, kann man immer. Nimmste halt sonst ein Schrotgewehr und knallst die um.
(Ich habe KEINE Ahnung, wo er nun so schnell eine Flinte herbekam, vermutlich hängt das mit dem Gen des Powergamers zusammen, der schlicht ständig irgendwas dabei hat, was ihn retten kann.)
M: Hattest du nicht mal gesagt, dass es gar nicht so einfach ist, mit einer Schusswaffe zu treffen? Dann steh ich da und verfehl das Ding! Oder kugel mir vom Rückstoß den Arm aus.
O: Ne ne ne. Mit der Schrotflinte trifft jeder. Da kannst du eigentlich gar nicht daneben schießen, irgendwas hauste dem anderen immer rein. Du müsstest dich schon um 180 Grad in die andere Richtung drehen, dass du es schaffst damit noch an allem vorbeizuschießen.

Kann sie doch!
(Kennt ihr diese Menschen, die sich wenige Zentimeter vor einem Papierkorb befinden und das zusammengeknüllte Papier trotzdem daneben werfen können? Zugegeben hielt ich meine Freundin für genau diesen Typ Mensch und in meinem Kopf spielte sich wie von allein die Zombieszene ab, in der Mayumi in wilder Fuchtelpanik das Gewehr sonstwohin riss und tatsächlich an den Bestien VORBEI … irgendetwas anderes erledigte – vorzugsweise einen Kameraden oder den Stützpfeiler eines rettenden Ausgangs. Mein Kopfkino schien sich deutlich auf meinem Gesicht zu spiegeln, denn aus ihren Augen traf mich ein Blitz, der mir kurz ein anderes Szenario in Gedanken rief: Nämlich wie ich anstelle des Hühnchens gleich selbst auf dem Schneidebrett liegen könnte.)
O: Also so gesehen, kann man immer was tun! (Bekräftigend nickend.)
M: So ein Unsinn. (Ihre Aufmerksamkeit glitt glücklicherweise wieder von mir weg und zurück zu Mister Powergamer) Jetzt denk mal nach, wie es wäre wenn du … sagen wir in einer Situation bist, wo dich nur retten kann, dass du ein Kleid nähst.

Willkommen bei … Oles Short Guide für angehende Designer!
O: Dann setz ich mich hin und nähe ein Kleid. (Schwerst von sich überzeugt.) Sicher wird es kein Designerstück, aber es wird ein Kleid.
M: Ich meine ein tragbares Kleid.
O: Oh, du wirst es auch tragen können.
M: Ich meine eins, das nach was aussieht!
O: Dann schau ich mir auf Youtube ein paar Lernvideos dazu an und setz mich hin bis es klappt. Gib mir drei, oder sagen wir vier Monate und ich näh dir eins.
M: … das … würde ich ja zu gern sehen.
(Oh Gott und ich erst!!! Wobei ich mir nicht sicher bin, was witziger wäre: Zu sehen, dass der Powergamer am Softskill scheitert, oder das von pikierten Zuckungen verunstaltete Mimikspiel der details- und designliebenden Asiatin, während sie in dem selbstgeschneiderten Fummel dasteht.)
M: Das ist … aber auch völlig … (schnauft, bricht kurz resigniert ab um sich erneut zu fassen) Das ist ja was anderes. Lass uns zurück zur Zombiesituation gehen und du brauchst das Kleid JETZT sofort!
(…..)
(Spätestens hier fand ich es unmöglich der Konversation weiterhin ohne Lachflash zu folgen. Man nehme die filmreife Szene eines Zombieangriffes, eines muskelbepackten Heldens mit einer Nähmaschine »bewaffnet«, der sein Leben dadurch rettet, dass er der Zombiene, die ihn geifernd angreift, ein Kleid näht … !!!)
O: (nach einer kurzen Schweigesekunde) Du stellst also eine Situation dar, wo ich nur herauskommen kann mit etwas, was ich ad hoc nicht kann. Das ist ja Blödsinn.
(Abstrus hätte ich das ganze eher bezeichnet. Konnte ich meinem Blick trauen, oder führte das tote Hühnchen gerade eine Modenschau in kristallenem Designerkleid vor? Nein, es war nur von Gewürzen bedeckt und hatte sich inzwischen scheinbar endgültig seinem Schicksal ergeben.)

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