Shichinin Misaki – sieben Geister

Bist du jemals in der späten Abenddämmerung umhergewandert? Oder gar bei Nacht am Ufer eines Flusses entlang geschlendert? Hast du dann ein Säuseln in den umstehenden Zweigen der Bäume und Büsche vernommen, oder einen kühlen Lufthauch, der sich einer Geisterhand gleich um deine Kehle legen wollte?
In solchen Nächten, so erzählt man sich vor allem auf der japanischen Insel Shikoku, kann es vorkommen, dass man auf die Shichinin Misaki trifft. Ein Tross aus sieben Geistergestalten, die im kargen Schein des Mondes ihrem Weg durch abgelegene Pfade folgen.
Diverse Erzählungen ranken sich um ihr Entstehen: Eine Bande brutaler Priester, die von jenen, die sie einst terrorisierten, getötet wurden, sieben Pilgerinnen, die im Meer ertranken, ein Clan von Samurai, der einer Falle zum Opfer fiel oder die in rituellem Selbstmord ihrem Anführer folgten.
Eines haftet jedoch allen Legenden an: Wer ihnen begegnet, stirbt.
Von Glück kann reden, wer nur mit ihrem Nebel in Berührung kommt. Befallen von einem hohen Fieber siecht man in wenigen Tagen dahin. Rettung gibt es nie. Doch immerhin bindet es einen nicht an ein Schicksal, das jene erfahren, die mit diesen Geistwesen mehr in Kontakt kommen.

So wie einst …
Takeo lebte etwas außerhalb der Großstadt in einem Dorf, das umrandet von einem bewaldeten Gebirge, eine idyllische Ruhe ausstrahlte. Von den Hügeln schlängelte sich ein Fluss herab, der am Rande des Waldes entlangführte und schließlich, von einem Damm geleitet, die Siedlung durchtrennte. Am Abend folgte Takeo häufig seinem Lauf, joggte auf dem Deich entlang, bis er die Kühle der ersten Baumausläufer erreichte – so auch heute. Am Waldrand angelangt, stoppte er kurz unschlüssig. Sollte er weiterhin dem nicht ansteigenden Weg folgen oder die anstrengendere Route, die den Berg hinaufführte, nehmen?
Normalerweise ging er nicht ganz so spät los, doch heute hatte sich sein Trainingsrhythmus verschoben, nachdem er bei seinem Freund Kenji zu Besuch gewesen war. Noch einen Augenblick wog er die Möglichkeiten ab und entschloss sich ob der voranschreitenden Dämmerung dann doch für die kürzere aber beschwerlichere Strecke. So konnte er seinem Training genug abverlangen ohne die übliche Zeit aufzuwenden. Für zwischendurch war das in Ordnung, so dachte er sich und joggte den steil ansteigenden Pfad ins Gebirge.
Nicht weit entfernt hörte er das Rauschen des Flusses. Unter seinen Sohlen knackten hin und wieder Äste, auf die er trat. Ansonsten verstummten nach und nach jegliche Geräusche. Er bemerkte es nicht einmal großartig, so fokussiert war er auf seinen Lauf. Nur eines fiel ihm auf: es wurde kalt. Kälter als es zu dieser Jahreszeit gewöhnlich war und er zog fröstelnd den Reißverschluss weiter zu.
Es half nichts.
Fast kam es ihm vor als würden eisige Finger ihm in jeden Schlitz greifen und an seinen Klamotten zerren. Um dem unwirtlichen Klima zu entgehen, beschloss Takeo sein Tempo zu steigern. Dumpf hallte sein Sprint auf dem Waldboden nach. Gleich dort vorne war die Abzweigung, die wieder hinab führen würde. Dann konnte er seine Runde bald beenden und …

Sie war weg …
Wie vom Donner gerührt starrte Takeo den Pfad vor sich an, der keine Anstalten machte, sich zurück ins Tal zu schlängeln, sondern nur stetig nach oben wies. Bei genauerer Betrachtung jedoch fand er einen Trampelpfad, fast nicht zu erkennen, der zumindest nicht weiter anzusteigen schien.
Hatte er sich verlaufen, die Abzweigung vielleicht schon verpasst?
Ich könnte umdrehen, den Weg einfach zurücklaufen, dacht er bei sich, doch warf er nicht einmal einen Blick über die Schulter zurück. Diesen Pfad hier hatte er noch nie zuvor entdeckt, dabei hatte er gefühlt sein halbes Leben in diesen Bergen verbracht. Ehe er sich versah, bewegte sich sein Körper wie von selbst. Die Idee umzukehren und zurück zu joggen war verflogen wie eine flüchtige Schneeflocke, die einsam auf einer warmen Hand gelandet war.
Äste knackten. Die ersten Schritte sprang er regelrecht um kleineren Unebenheiten auszuweichen. Schon bald fand er in seinen gewohnten Trab und folgte dem Weg, der sich, einer monströse Schlange gleich, stetig in den Wald wand.
Weiter, weiter, war alles, was in seinem Denken noch Bestand hatte. Etwas rollte ihm entgegen, wie ein gewaltige Welle, die alles von den Beinen reißen würde, was sie erfasste. Doch er stoppte nicht, beschleunigte statt dessen noch mehr. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken, dass er sie selbst gar nicht mehr fassen konnte. Manche kamen ihm fremd vor, andere vertraut, aber nicht einer ließ sich klar erkennen. Vokabeln verzerrten sich, ein Rhythmus drängte sich ihm auf, dem er nicht widerstehen konnte und mit einem Schlag überrollte ihn eine unsichtbare Lawine und die Welt kippte regelrecht um.

Stille …
Takeo schlug die Augen auf. Erst jetzt gewahrte er die nebligen Fangarme, die ihn eingesponnen hatte und deren Finger sich an seinen Ärmeln krallten wie klebrige Fäden. Jeder Zentimeter seines Leibes schmerzte. In seinem Hals kratzte es, als würde eine Horde Insekten versuchen sich darin einzunisten und mit ihren kleinen spitzen Chitinkrallen sich ins weiche Fleisch zwicken. Und er schmeckte Blut. Kurz würgte Takeo, oder versuchte es zumindest, doch war seine Kraft wie verpufft. Es schien ihm als wäre er nicht mehr Herr über seinen Körper.
Müde zuckten seine Augäpfel umher, doch scheiterten sie die Dunkelheit zu durchdringen.
Plötzlich blitzte etwas vor ihm auf und kurz darauf schob sich ihm eine Hand entgegen. Erleichtert griff er danach, ließ sich auf die Beine ziehen und schnappte erschrocken nach Luft, als er in ein durchscheinendes, grinsendes Gesicht blickte. Es war ein älterer Mann, einige der Zähne fehlten, die Augen von einer unheimlichen Tücke erfüllt, die Takeo nicht einordnen konnte.
»Willkommen, junger Freund, bei den Shichinin Misaki«, mit diesen Worten löste er sich auf und kleine leuchtende Partikel schwebten in die Höhe, bis sie sich auflösten.
Takeo starrte ihnen hinterher, dann bemerkte er die Versammlung der sechs weiteren geisterhaften Gestalten dahinter. Etwas zog an ihm, als würde er an einem Gummiband hängen, das sich gedehnt hatte und nun schlagartig wieder zusammenzog.

Fatales Schicksal
Wie viel Zeit war schon vergangen, in der Takeo mit den anderen sechs durch die unwirtlichen Pfade dieser kargen Welt schritt? Er konnte es nicht sagen. Er konnte gar nichts mehr sagen, denn alles, was in ihm noch existierte, war der Schrei nach Erlösung. Doch ein Shichinin Misaki kann nur erlöst werden, wenn er einen anderen besetzt und tötet.
So wie es einst Takeo selbst geschah. So wie einst im Wald, so wie …
Takeo presste die Hände gegen die Schläfen, wollte schreien, wollte rennen, einfach nur diesem elenden Albtraum entkommen, in dem er die Kontrolle über seine Seele verloren hatte und nur noch wanderte, wanderte, wanderte bis …
»Takeo!« Diese Stimme! Er kannte sie. Augenblicklich zuckte sein Kopf auf und bevor einer seiner Begleiter es bemerkte, sah er seinen Freund Kenji, der den verlassenen Bergpfad entlang kam, scheinbar auf der Suche nach ihm.
Sein … alter … Freund …
Takeo gluckste und streckte die Hand aus … das letzte, was er sah, war Kenjis Gesicht.

Welche Entscheidung würdest du treffen?

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