Meine Füchsin Elly

Es gibt ja Menschen, die haben Glück. Ich denke, ich habe Glück mit Menschen. Aus irgendeinem Grund durfte ich in meinem bisher noch gar nicht so langen Leben schon sehr viele interessante Leute kennenlernen, und ich möchte ein paar von ihnen vorstellen. Eine Herzensangelegenheit, sozusagen, denn ich liebe sie alle sehr.

Das ist Ellen, und sie sieht Dinge.

Ich kenne Ellen seit über zwanzig Jahren. Ganz schön lange Zeit. Der Anfang war eine Kontaktanzeige meinerseits, mit der ich nach Brieffreunden in ganz Deutschland suchte – die Masse an Reaktionen war nicht von schlechten Eltern, aber von den fast vierzig Brieffreunden ist nur sie mir erhalten geblieben. Da sie weit weg lebte, habe ich Vieles nicht mitbekommen, was in ihrem Leben passierte. Noch heute erzählt sie mir von Erlebnissen, die ich vorher noch nie gehört habe, und leider sind viele nicht schön.

Sie hat eine ganze Reihe merkwürdiger Spleens, von kleinen Zwangsneurosen bis hin zu, ja … sie sieht die Welt anders als ich. Und damit meine ich, wirklich anders. Es gibt bisher keine klare Diagnose, zumal das Feld der psychischen Störungen weit und an vielen Ecken unerforscht ist, weshalb ich mich nicht dazu hinreißen lassen möchte, etwas auszusprechen, was nachher gar nicht wahr ist. Tatsache ist aber, dass ihre Welt viel bewegter, unsteter, manchmal dunkler, manchmal bunter ist als meine. Manchmal hört sie Stimmen, die sich neben ihr unterhalten, manchmal sieht sie eine Gestalt mit am Tisch sitzen, die kein anderer sieht; sie presst das Muster zurück in die Tapete, wenn es ihr entgegenkommt oder weicht dem Schrank aus, der sich in den Raum beugt – alles ganz unauffällig, wenn man nicht darauf achtet. Ich habe es erst vor Kurzem erfahren, und erst seit Kurzem hat sie angefangen, mir ihre Welt zu erklären.

»Hinter meinem Papierkorb versteckt sich ein lebender Fellball.«

Dabei ist es nicht so, dass sie versucht mich davon zu überzeugen, sie sei Ghostwhisperer 2000. Ihr ist bewusst, dass das, was sie sieht, ihre eigene Welt ist, und was genau die Wahrheit dahinter ist, das ist eigentlich eher nebensächlich. Vielleicht sind es Geister, ja. Vielleicht empfängt ihr Gehirn außerirdische Radiowellen. Vielleicht sind es verschachtelte Gehirnvorgänge, die gar nichts bedeuten, aber Tatsache ist: Ihre Realität ist für sie genauso echt wie meine. Und sie möchte darüber kommunizieren, erzählen was sie sieht und erlebt, und was sie zu erzählen hat, ist eine Welt, die an H.P. Lovecraft erinnert. Natürlich sind da auch erschreckende Bilder und Träume, von denen ich mir nicht ansatzweise vorstellen kann wie es ist, sie selbst zu erleben. Trotzdem bin ich regelmäßig fasziniert von den Schnipseln, in denen sie ihre Erfahrungen beschreibt, wenn sie mir Bilder oder kurze Videosequenzen zeigt, auf denen sie ähnliche „Effekte“ findet, wie sich ihre Sicht manchmal verändert.

Besonders faszinierend war, mit ihr das Spiel „Hellblade – Senuas Sacrifice“ zu spielen. Sie beschrieb die flüsternden Stimmen als beruhigend, wo andere Spieler meinten, es mache sie wahnsinnig ständig kommentiert zu werden, von hinten, von vorne, von links, von rechts. Als sich Lichtquellen in viele Reflexionen brachen, meinte sie plötzlich: Da! Das meinte ich als ich sagte, dass Kerzenflammen um mich herumtanzen. Es war einerseits ungemein hilfreich, zu verstehen, was sie mit ihren Beschreibungen meinte, und andererseits auch so spannend, dass sie das alles tatsächlich so sieht.

»Du siehst aus wie eine Qualle.«

Wenn man sich damit beschäftigt, ist auch ihre Ausdrucksweise unheimlich witzig. Sie hat natürlich dadurch, dass sie Dinge anders sieht, ganz andere Assoziationsketten als normale Leute. Das kann schon ziemlich ausarten, weil es missverständlich sein kann. Zum Beispiel beschrieb sie mich mal als „Qualle“. Da hab ich erstmal geguckt wie n Auto. Das hat sie dann wohl gemerkt und hastig erklärt, was sie damit verbindet – dass eine Qualle wie schwerelos durchs Wasser schwebt, ihre Bewegungen weich und fließend sind, dass sie lange Tentakel hinter sich herziehen, die in den Wellen wogen und meine Haare sie daran erinnern würden. Dass man als erstes an den glibberigen Flatschen am Sandstrand denken könnte, fällt ihr erst im Nachhinein auf.

Leider sind die Reaktionen von außen selten positiv. Ich meine, natürlich will sie nicht als Irre abgestempelt und nicht für voll genommen werden, denn das ist auch gar nicht wahr. Ja, sie hat Ängste, die für jemanden irrational erscheinen, aber es ist nicht so, dass sie völlig handlungs- oder unzurechnungsfähig wäre. Aber sie trifft auf viele Vorurteile – wenn sie behauptet der Himmel sei rot, wo er für alle anderen blau ist, woher soll sie den Rückhalt nehmen, dass sie ein Recht auf ihre Wahrnehmung hat? Menschen bewerten andere nur all zu oft nach ihren eigenen Maßstäben, ohne überhaupt wahrzunehmen, dass das eine Verteidigungshaltung ist, mit der sie ihre eigene Realität schützen. Ich bin selbst nicht frei davon.

»Ich sterbe jede Nacht.«

Meine Zeit mit Ellen hat mich in vielen Hinsichten demütiger gemacht, und dafür liebe ich sie. Von selbst wäre ich nie auf die Idee gekommen, was einem alles passieren kann, und wie gesegnet ich eigentlich bin mit meinem sorglosen Leben. Sie erinnert mich daran, dass nichts selbstverständlich ist, noch nicht einmal, dass man eine Nacht durchschläft ohne zu träumen, dass man stirbt. Davon erzählt sie mir oft.

Sie wurde in ihrem Leben schon oft mit dem Tod konfrontiert, sehr direkt, sehr brutal. Im Gegensatz zu den Wahrnehmungsdingen ist ihre posttraumatische Belastungsstörung auch diagnostiziert, und sie hat viel damit zu kämpfen. Kein Wunder also, dass viele ihrer Visionen sehr düster und beängstigend sind, jedenfalls rational gesehen. Aber was muss das für ein Gefühl sein, wenn man tagelang Leichengeruch in der Nase hängen hat? Und obwohl sie in solchen Momenten dringend jemanden bräuchte, an dem sie sich festhalten kann, hält genau dieser Umstand sie von Menschen fern – weil sie sich selbst als unzumutbar einstuft, weil sie niemanden mit ihrem „Gift“ belasten möchte. Wie viel Stärke es erfordert, das mit sich zu schleifen, kann ich nicht einmal im entferntesten einschätzen. Ich hatte auch immer jemanden, der mir den Rücken stärkte, an dem ich mich anlehnen konnte. Ich war nie allein, und auch das ist mir erst durch sie klar geworden.

Außerdem möchte ich nicht der Mensch sein, der einen anderen gedankenlos verletzt dadurch, dass ich meine Wertvorstellung als besser hinstelle als die meines Nächsten. Zu erfahren, wie anders dieselben Dinge durch unterschiedliche Augen aussehen können, war eine der lehrreichsten Lektionen meines Lebens, und ich sage ganz klar, dass es mich als Person bereichert.

»Ich liebe Menschen.«

Von ihrer besonderen Wahrnehmung abgesehen erlebe ich Ellen als jemanden, die alle Dinge unheimlich zart angeht, weil sie weiß wie es ist, verletzt zu werden. Und auch weil sie weiß wie es ist zu verletzen, was ihr mehr Angst macht als vieles andere. Denn wenn sie jemanden mag, dann zu 150%. Extrem? Ja klar. Aber als sie mir zum ersten Mal erzählte, wie sie mich sieht, war ich vor Rührung kurz vorm Heulen. Und weil sie so extrem liebt und fühlt, ist sie auch unglaublich verletzlich – wenn sie jemanden an sich heranlässt, dann kann derjenige sie auch tief erschüttern. Und so ein bisschen, das geht eben nicht. Ganz oder gar nicht. Aber weil sich kaum jemand so tief auf einen anderen einlassen mag, wie sie sich auf ihr Gegenüber einlässt, weil es einfach nicht normal ist, dass man das tut … hält sie sich zurück. Weil es verletzend ist, wenn jemand einem mehr bedeutet als man selbst dem anderen.

Einige Verletzungen waren so tief, dass die Narben immer noch nicht ausgeheilt sind, und sie gehen runter bis auf die Knochen ihres Seins. Mit den meisten dieser Wunden ist sie ganz allein, weil sie und ich wissen, dass ich nicht die Stärke habe, alles davon aufzufangen. Deshalb trägt sie ihr Päckchen tapfer mit sich mit, Schritt für Schritt. Um ehrlich zu sein habe ich Angst, dass sie eines Tages einfach verschwinden könnte, und das Loch, das sie hinterließe, wäre wahrscheinlich größer als jedes, das ich bisher verkraften musste. Deshalb bete ich inständig, jeden Tag, dass mein ganz spezielles Glück mit den Menschen ein bisschen auf sie abfärben möge. Dass sie noch mehr Leute findet, die sie nicht für ihre Spleens und ihre Sicht der Welt verurteilen oder in die Geschlossene stecken wollen.

»Ich will meine Welt nicht verlieren.«

Denn was sie zerstört ist nicht ihre Andersartigkeit. Sie hat es nie anders kennengelernt und hat sich ihre Wege zurechtgelegt, mit denen sie sich in den Griff bekommt. Sie braucht keine Hilfe, um damit klarzukommen, sie möchte nur darüber reden. Was sie verletzt hat ist das, wie Menschen in ihrer Vergangenheit damit umgingen. So wie ein Homosexueller nicht glücklicher wird, wenn man „seine Störung heilt“ und er eine „normale Beziehung“ führen würde, würde es sie nicht heilen, wenn sie ihre Wahrnehmung durch Medikamente unterdrücken würde. Ob Autisten, Transsexuelle oder Down-Syndrom, was sie brauchen ist keine Behandlung, es ist Akzeptanz.

Deshalb möchte ich sie darin unterstützen, genau das nach Außen zu tragen, was sie ausmacht – darüber zu schreiben, davon zu erzählen, und, mit etwas Glück, offenen und gutherzigen Gemütern zu begegnen, denen gegenüber sie sich nicht verstellen muss.

Denn Ellen ist eines der interessantesten, intelligentesten, vielseitigsten, begeisterungsfähigsten und in ihrer Weise eines der positivsten und stärksten Mädchen, das ich je kennenlernen durfte.

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